Quelle: rockmidgets.com
Autor: Louise Brown
rockmidgets.com: Interview mit Tuomas Holopainen
Am 21. Oktober 2005 übergaben Nightwish ihrer Sängerin Tarja Turunen einen innigen offenen Brief, in dem sie ihr mitteilten, dass sie die Band verlassen muss. In den sechs Monaten seit dem letzten Konzert in der Hartwall-Arena in Helsinki musste Tuomas Holopainen, der Kopf hinter der finnischen Opern-Metal-Band, diese Entscheidung jeden Tag wieder durchleben durch Nachforschungen der Presse und sein eigenes letztes Projekt: eine DVD über das letzte beeindruckende Konzert der Band mit ihrer ehemaligen Sängerin.
Am Tag der Entscheidung, getrennte Wege mit der Frau zu gehen, die immer das Herz von Nightwish gewesen war, stand die Band ohne Zweifel am Höhepunkt ihrer Karriere. Sie hatte mit ‚Once’ ein Album von großer Wichtigkeit veröffentlicht, welches als Geniestreich verehrt wurde, und die Band genoss ausverkaufte Konzerte, wo auch immer sie tourte. Aber neben dem Erfolg gab es ein Problem: die Band entfernte sich von ihrer Sängerin, die in den Worten der Mitglieder zu ‚einer Diva, die nicht mehr so denkt oder handelt, wie sie es mal getan hat’ geworden war.
Für Tuomas und die anderen Bandmitglieder von Nightwish lag die Seele der Band nie im Platinstatus der Alben oder im Festhalten des Erfolges, es war die Musik, und seit Oktober hatte Tuomas die Möglichkeit, sich darauf zu konzentrieren. Mit der Veröffentlichung der DVD Anfang Juni und den Aufnahmen für das neue Album, die für den Herbst angesetzt sind, sieht es aus, als ob Nightwish in der Lage wären, zu dem zurückzukehren, was sie am besten können. Louise Brown erwischte Tuomas für ein kurzes Gespräch in Deutschland und erfuhr, was seit dem Konzert in der Hartwall-Arena passiert ist.
*Es sind jetzt sechs Monate seit dem letzten Konzert in Helsinki vergangen. Hast du in der Zeit eine wohlverdiente Pause genossen?*
- Eigentlich war ich sehr beschäftigt. Ich glaube, das letzte halbe Jahr war stressiger als die vergangenen drei Jahre zusammen, also sollten wir wieder auf Tour gehen und auf diesem Wege Ferien machen. Ich habe an der DVD gearbeitet und die ganze Zeit über neue Songs geschrieben, und dann war da noch der ganze Stress mit den Medien. Es waren wirklich anstrengende sechs Monate, aber so langsam beruhigt sich alles.
*Warst du auch sehr mit der Produktion von der ‚End of an Era’ befasst? Du hast nicht nur alles in die Hand einer Produktionsfirma gegeben und diese alles machen lassen?*
- Nein, ich habe das ganze natürlich in gewisser Weise beaufsichtigt, aber es gab auch noch so viele andere Dinge woanders zu tun. Ich habe mir die erste Version des Konzertes angeschaut, und die war schon fast perfekt, aber ich musste dann doch noch ein paar geringere Änderungen vornehmen. Und mit der Dokumentation war es genauso.
*Ich weiß, dass du die Vergangenheit nicht ausbaggern willst, aber offensichtlich hast du die DVD gesehen… Macht sie dich nostalgisch? Offensichtlich hat Tarja eine recht dominante Rolle darauf; lässt dies ein paar gute Erinnerungen hochkommen an die schöne Zeit, die ihr als Gruppe verbracht habt?*
- Wir waren bei dieser Präsentation für die Medien am letzten Montag in einem Kino hier in Deutschland, und das war das erste Mal, dass ich alles auf einer großen Leinwand gesehen habe, und ich habe so gemischte Gefühle gehabt; ich denke, mit ‚bittersüß’ kann man sie am besten beschreiben. Aber andererseits fühlte ich mich auch so stolz auf jeden der Jungs auf der Bühne und das Mädel, denn wir haben mit allem vor zehn Jahren angefangen und dies war nun so etwas wie der Höhepunkt von allem, der Höhepunkt der gesamten Karriere, ein symbolisches Highlight. Ich war also stolz auf alle und ich freue mich wirklich, dass wir die Möglichkeit hatten, diese Show auf diesem Wege festzuhalten.
*Hier habt den Titel ‚End of an Era’ bereits bekannt gegeben, bevor alle wussten, dass ihr eine Änderung der Besetzung plant. Warst du überrascht, dass die Bekanntgabe für alle einen Schock bedeutete? Für viele Leute stand ‚End of an Era’ da vielleicht für eine Änderung der musikalischen Richtung und nicht der Besetzung.*
- Ja, der Symbolismus des Titels ist wirklich offensichtlich. Wir haben bereits Anfang 2004 entschieden, dass wir diese DVD machen wollen, also bevor wir überhaupt entschieden hatten, auf Tour zu gehen, und die Idee war, dass die letzte Show sehr spektakulär sein soll und dass wir alles filmen und auf DVD veröffentlichen würden. Ursprünglich wollten wir das Konzert mit einem Orchester und einem Chor bestreiten, aber das ist nicht passiert, also spielten wir eine normale, große, spektakuläre Show. Der Titel ‚End of an Era’ entstand im letzten Sommer und kam von Marco, unserem Bassisten, denn ich war einfach nicht in der Lage, einen perfekten Titel für die DVD zu finden. Er rief mich an und fragte: „Hey, was ist mit ‚End of an Era’?“, denn in der Band wussten wir damals schon, was passieren würde, und ich dachte, das wäre perfekt.
*Habt ihr erwartet, dass es so einen solchen Medienrummel auslösen würde?*
- Es hat so viele Leute geschockt, und man kann den Medienrummel, den wir vor allem in Finnland hatten, gar nicht glauben. Es war nicht so schlimm außerhalb unseres Landes, aber in Finnland waren wir in den Boulevardblättern für zwei oder drei Wochen. In jeder einzelnen Talkshow wurde über das Thema Nightwish gesprochen. Sogar der finnische Präsident hatte eine Meinung zu den Geschehnissen. Jeder hatte eine Meinung. Es gab Psychologen im Fernsehen, die mir Ratschläge gaben, was ich mit meinem Leben in Zukunft machen sollte, und viele religiöse Leute kamen zu mir und erzählten mir, dass ich schwer gesündigt hätte und zu Jesus Christus beten müsste, da ich meine Freundin betrogen hätte und zur Hölle fahren würde. Und ich habe eine Menge sehr merkwürdige Briefe und E-Mails bekommen, so dass ich mich fragte, ob ich ein Monster oder so was erschaffen hätte. Mittlerweile ist alles wieder etwas ruhiger.
*Der Präsident hatte eine Meinung dazu? Wow, scheint so, dass in Finnland sogar die Regierung Interesse an Heavy Metal hat; da oben scheint das wirklich unterstützt zu werden. Bist du stolz darauf, aus einem Land mit einem so großen Metal-Erbe zu kommen?*
- Auf jeden Fall; ich glaube, Finnland ist das einzige Land der Erde, wo extreme Metal-Bands immer die nationalen Charts anführen. Nur ein Beispiel: Vor einigen Jahren waren Children of Bodom Nummer 1 in den Single-Charts für elf Wochen, und damit meine ich nicht die Rock-Charts, sondern die offiziellen Charts, und das ist ein Phänomen, das nur in Finnland auftreten kann. Ich denke, dass die Metal-Musik so etwas wie die nationale Musik ist.
*Und was ist mit Lordi, die 2006 Finnlands Kandidat beim Eurovision Song Contest sind?*
- Ich bin wirklich stolz auf sie. Die Teilnahme ist gut für sie. Ich habe fünf Mal für sie in der finalen Ausscheidung gewählt, und sie haben es geschafft; wir werden also sehen, was passiert. Weißt du, der Eurovision Song Contest repräsentiert alles, was ich an Musik hasse. Es ist so lächerlich, schrecklich. Ich bin also nur glücklich, dass die Finnen es geschafft haben, mal etwas anderes zu schicken, um alle mal etwas zu schocken, und ich hoffe, dass sie weit kommen und den Mist gewinnen.
*Ähm, haben Nightwish Finnland nicht auch in einem Jahr vertreten?*
Ja, im Jahre 2000 mit einem Song namens ‚Sleepwalker’. Wir wurden zweite im finnischen Finale; das Publikum hat uns die volle Punktzahl gegeben, aber die Jury hat uns rausgewählt. Ich denke, sie haben uns einen Gefallen getan; wir haben es nie ins Finale geschafft, was eine gute Sache ist.
*Zurück zur Zukunft, ihr habt gerade mit der Suche nach der neuen Sängerin begonnen. Wie läuft es? Irgendwas gutes oder schreckliches?
- Was die Demos angeht, ist es überwältigend. Bisher habe ich beinahe 500 verschiedene Demos angehört, die in den letzten zwei Monaten oder so an mich gesendet wurden, und Fakt ist, dass noch hundert weitere zu Hause auf mich warten. Einige sind gut, einige sind durchschnittlich, sie kommen aus der ganzen Welt, und ich habe jedes einzelne angehört. Ich möchte betonen, dass bisher absolut keine Entscheidung getroffen wurde und dass wir nicht in Eile sind. Es kommen immer noch um die 20 pro Tag, also nehmen wir uns Zeit. Ich persönlich wäre selbst dann zufrieden, wenn wir bis Ende des Jahres niemanden gefunden hätten.
*Also gibt es bisher keinen Stichtag?*
- Nicht so richtig. Wir haben alle Studios für das nächste Album gebucht, und ich habe die Songs für das Album geschrieben. Wir werden im September ins Studio gehen, aber du musst wissen, dass in den letzten 10 Jahren nie eine Sängerin im Probenraum dabei war, also wird sich nicht viel ändern. Natürlich wäre es besser, wenn wir nächste Woche einen Ersatz finden, aber auch auf diesem Weg kann es gut gemacht werden.
Wenn es da draußen also Leute gibt, die denken, sie möchten für Nightwish singen: welche Qualitäten sollte sie mitbringen?*
- Das letzte, wonach wir suchen, ist eine billige Kopie von Tarja. Ich meine, sie hat ihren Job perfekt gemacht, und ihre Stimme war perfekt für die Band, also macht es keinen Sinn, zu versuchen, das auf irgendeine Art zu übertreffen. Also werde ich tapfer eine andere Richtung mit der weiblichen Stimme einschlagen. Das wichtigste ist, dass sie Vielfalt haben muss, sie muss in der Lage sein, diese hohen Töne mit großer Kraft zu singen, aber auch Balladen mit Gefühl, und eine Stimme mit Wiedererkennungswert würde auch nicht schaden. Ich meine, da draußen gibt es viele gute Sängerinnen mit Persönlichkeit, aber am schwierigsten wird die Ausstrahlung zu finden sein, der richtige Charakter, denn sie braucht nicht nur ihre Stimme, sondern auch einen Sinn für Humor und das größte Selbstbewusstsein der Welt, denn versuch dir nur mal vorstellen, durch welche Hölle sie gehen wird, wenn wir sie der Öffentlichkeit bekannt geben.
*Also habt ihr nicht darin gedacht, die Suche beobachtet von den Medien zu gestalten? Sicherlich hättet ihr eine Art MTV- oder Pop Idol-Show machen könne, um die neue Sängerin zu finden.*
- Das wurde uns vorgeschlagen; es gab ein Rundfunk-Unternehmen aus Finland und sogar eins von außerhalb, die uns vorschlugen, eine Reality-TV-Show daraus zu machen, so wie INXS es getan haben. Ich halte das für eine lächerliche Idee; es würde sehr schlecht für das Ansehen der Band sein und ich denke, dass wir uns darum selber kümmern können.
*Zum Glück! Habt ihr auch die Nase voll von Spekulationen um die neue Sängerin? Es erscheint unmöglich, eine Musik-Zeitschrift aufzuschlagen und nicht eine der etablierten Sängerin zu sehen, die mit euch in Verbindung gebracht wird. Habt ihr genug davon, dass die Presse vorschlägt, dass Sharon den Adel oder Live Kristine für euch singen werden?*
- Das ist wirklich dämlicher Kram für die Medien und die Presse; du kannst dir die Menge der Gerüchte gar nicht vorstellen. Liv Kristine war eines Tages auf der Titelseite einer der größten Tageszeitungen in Finnland, die berichtete, dass sie die neue Sängerin von Nightwish ist. Amy Lee war in Finnland in den Klatschblättern uns sagte, sie wäre die neue Sängerin und dann Simone von Epica. So gut wie jede weibliche Metal-Sängerin wurde bereits als neue Nightwish-Sängerin bekannt gegeben, aber davon solltet ihr nichts glauben, und ich vertraue den Leuten wirklich, dass sie nicht alles glauben. Ich sage, die einzige wirklich verlässliche Quelle für Informationen hierüber wird nightwish.com sein.
*Zurück zur DVD: Das wird die einzige Nightwish-Veröffentlichung für einige Zeit sein und ihr werdet in nächster Zeit nicht auf Tour gehen. Glaubst du, dass eure Fans euch treu bleiben werden? Wie ist die Rückmeldung zur DVD?*
- Die Leute scheinen erwartungsvoll zu sein, die DVD zu sehen. Natürlich gibt es da draußen Leute, die denken: ‚Wir geben ihnen eine Chance’, und ich finde, dass ist die gesündeste Art, an die Sache heranzugehen. Leider gibt es auch radikale Tarja-Fans, die niemals etwas anderes unter dem Namen Nightwish akzeptieren werden.
*Was zu euren Gunsten steht, ist, dass du in eurem offenen Brief an Tarja über eure Liebe zur Musik gesprochen hast und abgelehnt hast, dass euch Berühmtheit und Geldgier in den Weg kommen. Du sagtest, dass es euch egal ist, ob ihr vor 10.000 oder 300 Leuten spielt. Ist das wahr?*
- Ja genau. Es klingt sehr nach Klischee und das sagen sicher alle Bands, aber das ist ganz sicher und ehrlich wahr. Es ist ganz einfach. Alles, was wir wollen, ist Musik machen; wir lieben es, Musik zu spielen und zusammen zu sein, die Welt zu bereisen, neue Leute kennenzulernen. Weißt du, das ist das bestmögliche Leben, das man haben kann. Ich kümmere mich nicht besonders um Verkaufszahlen. Ich weiß, dass manche Leute denken, dass das kommerzieller Selbstmord ist, aber wenn das nächste Album 100.000 Exemplare anstatt einer Million verkauft, würden wir als Gruppe immer noch Spaß haben, die Welt sehen und an verschiedenen Orten spielen – wen kümmert es also?
*Haben die Nightwish-Mitglieder noch andere Dinge vor, während wir auf das neue Album warten?*
- Nightwish werden definitiv Priorität sein, wenn wir im September mit den Aufnahmen anfangen, aber natürlich macht Marco ein neues Album mit Tarot; Emppu hat eine neue Band namens Brother Firetribe gegründet, die eine direkte, fröhliche achtziger Hard Rock-Band im Stil von Van Halen ist; sehr schön, das kann ich dir empfehlen. Und ich spiele in ein paar anderen finnischen Rock’n’Roll-Bands und bin ab und zu bei einigen Konzerten dabei. Wir sehen uns trotzdem; zwar wohnen wir in verschiedenen Städten, aber immer, wenn wir die Chance haben, gehen wir zusammen einen trinken oder so. Diese Jungs sind wirklich meine besten Freunde.
*Du bist also sehr beschäftigt mit dem Schreiben des neuen Albums. Ist das eine Einzelaufgabe oder kommt ihr alle ab und zu zusammen, um Ideen zu sammeln?*
- So funktioniert es bei uns nicht wirklich. Das Schreiben der Songs ist ein sehr intimer und persönlicher Prozess für mich, also brauche ich dafür Einsamkeit und Zeit, ganz bei mir selbst zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Nightwish mal ein Album machen, das aus Songs besteht, die beim Improvisieren im Probenraum entstehen sind, so wie es Pantera gemacht haben. Das ist ein guter Weg und ich respektiere das wirklich, aber das ist nicht unsere Art. Ich hoffe wirklich, dass ihr nicht enttäuscht sein werdet. Ich fühle mich sehr zufrieden mit den neuen Songs; es sind schon 15 Stück und die anderen Jungs scheinen sehr froh mit ihnen zu sein. Alles was wir jetzt brauchen, ist eine Sängerin. |